Allumfassender Zauber

Eines der herausragendsten Merkmale Japans ist der hohe Kontrast zwischen Tradition und Moderne. In den Unterrichtsräumen, Werkstätten und Ateliers beschäftigen sich die Studenten der Musabi mit zeitgenössischer Kunst und aktuellem Design. Sie leben wie alle Menschen ihres Alters im Zwiespalt zwischen Ausleben von Freiheit und Blick auf den Ernst des Arbeitslebens. Dennoch werden in den Clubs, die auf Schülerinitiative nach den Kursen stattfinden, traditionelle japanische Künste gelernt, erprobt und gelebt, wie 弓道 / Kyūdō, japanisches Bogenschießen, und 茶道 / Sadō, der Weg des Tees.

Das rituelle Zubereiten von Tee, genauer gesagt, 抹茶 / Matcha, japanischer Pulvertee, nennt sich 茶乃会 / Cha no Kai (wörtlich ›Teetreffen‹) oder einfach 茶の湯 / Cha no Yu – ›heißes Wasser für Tee‹. Zur kalten Jahreszeit wird dieses Wasser in einer in den Boden eingelassenen Feuerstelle (炉 / Ro) erhitzt. Aber ich werde als blutiger Anfänger den Versuch gar nicht erst wagen, zu erklären, was die japanische Teezeremonie bedeutet.

Dies soll mich aber nicht abhalten meiner immer größer werdenden Faszination für diese japanische Kunst zu folgen und ihr mit dem Juni Header einen kleinen Platz auf diesem Blog einzuräumen. Als ich mich entschied die Grundlagen des Sadō zu erlernen, war ich vor allem auf der Suche nach einer Form der Meditation, nach etwas Ruhe zu meinem aufgewühlten Innenleben und arbeitsintensiven Unialltag. Je mehr ich jedoch übe, lerne und lese, desto mehr wird mir bewusst, wie klein dieser Bestandteil eigentlich ist.

Es ist weniger eine Reise in mich selbst, als eine, die mich die großen Verbindungen erkennen lässt, eine Reise nach außen. So schön es auch sein mag, zu lernen, selbst Matcha schlagen zu können, der große Zauber liegt am Zusammenspiel der einzelnen Komponenten. Man sagt »一期一会 / Ichi-go-ichi-e« (eine Zeit, ein Treffen), jede Teezeremonie ist einzigartig. Selbst wenn die gleichen Menschen erneut zusammen kommen, ist die Situation eine ganz andere. Jahreszeit, Gegenstände und das Innenleben der Personen hat sich verändert. Eine andere Zeit, ein anderes Treffen. Jeder Moment ist einzigartig.

Die 床の間 / Takanoma (Zimmernische) bei einer Teezeremonie, zu der wir im Mai eingeladen waren, zierte ein 掛け軸 / Kakejiku mit einem Samuraihelm und dem Spruch ›Niemals kämpfen, immer siegen‹ – ein klarer Bezug auf das am 5. Mai gefeierte Knabenfest (heute ›Tag der Kinder‹). Die Elemente sind nicht nur auf die Jahreszeit, sondern auch aufeinander abgestimmt. Der Name des 茶杓 / Chashaku (Teelöffels), der bei der Zeremonie verwendet wurde, lautet ›Langspeer‹. Unser Teemeister erklärte, die wahre Schönheit und Harmonie liegt gerade darin, wenn die Dinge nicht reibungslos zusammen passen. Also im Widerspruch, dass eine Waffe ja zum Kämpfen gefertigt wird, es aber heißt, man könne bzw. solle kampflos siegen.

Mein Studium japanischer Motive ist mir im Verständnis dieses komplexen Zaubers von Vorteil, aber ganz eindeutig befinde ich mich am Anfang eines langen, langen, erleuchtenden Tee-Weges.

1 Response to “Allumfassender Zauber”


  • Ich habe ja damals, als ich an der Tôkai war, auch sadô gelernt und fand ich unglaublich faszinierend. Anstrengend und an einigen Stellen auf überfordernd, aber immer faszinierend. Ich wünsche dir noch sehr viel Spaß und Erfolg auf deiner weiteren Reise ;)

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