Gülden ziehen sie ihre Kreise

Irgendwie hatte ich mir schon gedacht, dass ich, kaum in Japan angekommen, mit so vielen visuellen Reizen beflutet werde, dass ich meine Musterserie im Header vorerst brechen werde. Dennoch bleibe ich am traditionellen Motiv und beschäftige mich für diesen Monat mit dem Goldfisch, japanisch Kingyo (金魚 / die Kanji bedeuten Gold und Fisch). Der September zählt eigentlich schon zum Herbst, ist aber immer noch so sommerwarm, dass die Beschäftigung mit einem Tier, das hier meinem Eindruck nach als Sommermotiv verwendet wird, durchaus noch angemessen ist. Das Bild eines im feuchten Nass seine Bahnen ziehenden oder ruhenden, glitzernden Fisches scheint zu erfrischen. Und auf den Matsuri (祭り / Festen), kann man sie beim Kingyo-sukui (金魚すくい / Goldfische schöpfen) mit Schöpffächern aus Papier (japanisch ポイ / poi) fangen.

Die Goldfische stammen vom Hibuna (緋鮒 / Rote Karausche) ab, einer wilden Mutation der Karpfenart Funa (鮒 / Karausche), die sich vor circa 2.000 Jahren im südlichen China entwickelte. 1502 kamen sie nach Japan und wurden dort als kostbare Zierfische gehalten und gezüchtet, die sich bis zum 19. Jahrhundert nur reiche Familien leisten konnten. Ziemlich schnell wurden sie dann als Haustier für Jedermann berühmt und zu einem bis heute gängigen Motiv auf Stoffen, Haushalts- und anderen Gegenständen. Es gibt diverse Rassen, die zum Teil ziemlich überzüchtet erscheinen und von einigen als Qualzuchten bezeichnet werden. Vor Kurzem wurde übrigens ein durchsichtiger Goldfisch gezüchtet, der für die Forschung ungemein interessant sein soll, da man die Innereien am lebenden Objekt analysieren kann.

Meiner gewissen Faszination für die Kingyo sowohl als lebende Fische als auch als gestalterisches Element eines japanischen Musters folgend, habe ich zu Stift und Pinsel gegriffen und lasse nun einen Goldfisch auf meinem Blog schwimmen, bevor die Header-Serie mit japanischen Mustern mit richtigen Beginn des Herbstes fortgesetzt wird.

Ich genieße es jedes Mal, vor einem traditionellen Laden oder kleinen Restaurant eines dieser wunderschönen Steinbecken zu entdecken, in denen kleine Goldfische zwischen Wasserpflanzen ihre Kreise ziehen. Einige sind wunderschön und irgendwie beruhigend. Der großen Hitze zum Trotz schwimmen die Kingyo in ihrer kleinen Welt, die gelegentlich fast etwas Mystisches an sich hat, ein Tor, das den Betrachter für einen Augenblick in eine andere Welt entführt.

Konditioniert mit dem Vorhaben, diesen Beitrag über Kingyo zu verfassen, haben sich in den zwei Wochen, die ich nun schon in Japan weile, bereits Goldfische in meiner Wohnung eingefunden. Allerdings keine lebendigen, sondern aus Porzellan, unter anderem einer mit der Funktion, Essstäbchen darauf abzulegen (hier links im Bild).

Zum Abschluss habe ich noch zwei Empfehlungen. Bei dem von mir sehr geschätzten PIE Books Verlag ist das klein-formatige, aber knapp 400 Seiten starke Buch „きんぎょ / Kingyo – The graphics of Japanese Goldfish“ erschienen. Neben wahnsinnig schönen Fotografien von eben Kingyo, zeigt es viele Gegenstände und Bilder mit ihnen als Motiv. Darüber hinaus gibt es einen Aufsatz auf Japanisch und einige Erläuterungen über Herkunft und Rassen, die zum Teil in Englisch übersetzt sind. Ideal zum darin blättern, inspiriert werden und tiefer eintauchen.

Für Besitzer eines iPhones oder iPod touch, die sich für kleine feine Spielereien à la Yoritsuki begeistern lassen, könnte Wa Kingyo (和金魚 / Japanische Goldfische) von HAKOZAKI Masataka (hacoDESIGN) interessant sein. In einem kleinen Becken, dessen Boden man in 11 Varianten anzeigen lassen kann, schwimmen bis zu vier knuffige Fische, deren Farben sich variieren lassen. Es ist möglich, Blüten bzw. Blätter auf dem Wasser schwimmen zu lassen, die von den Fischen gegessen werden. Oder man lauscht einfach dem sanften Plätschern und schaut den Bewegungen der Fische und der unglaublich gut animierten Wellen zu. Das ist durchaus auch zum einschlummern geeignet, denn man kann einen Timer einstellen.

Edit 2011-09-22: Bei der Durchsicht meiner alten Japan-Fotos bin ich auf eines aus dem Jahre 2006 gestoßen, dessen Atmosphäre ich gerne mit euch teilen möchte:

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