Lobgesang auf die Patina

Ein funkelnagelneuer Gegenstand strahlt in makellosem Glanz. Doch mit der Zeit beginnt er sich mehr und mehr von seinen Gegenstücken gleichen Fabrikats zu unterscheiden. Vielleicht erhält er eine Delle, wir laden ihn mit Erinnerungen auf und er setzt Patina an. Er wird individuell, bekommt Charakter und somit eine besondere Schönheit.

Quasi durch Zufall bin ich letztens auf metallerne Teedosen (jap. 茶筒 / Chazutsu) gestoßen, die Inbegriff dieser Ästhetik zu sein scheinen. Die Firma 開花堂 / Kaikadō blickt auf eine über 135-jährige Geschichte und ist damit auch ein gutes Beispiel für die Wertschätzung, die man in Japan tradionellem Handwerk zukommen lässt. Lange Zeit produzierte Kaikadō große Dosen für Teehändler, überstand damit die schweren Kriegsjahre und konnte sich in der Nachkriegszeit auch gegen die günstige Konkurenz behaupten. 1916 übernahm die Familie Yagi das Unternehmen und leitet es bis heute. In Handarbeit fertigen Seiji und sein Sohn Takahiro (6. Generation) heute zusammen mit zwei Mitarbeiter in Kyōto in 130 bis 140 Einzelschritten jene Teedosen, deren elegante Schlichtheit mir den Atem zu rauben vermag. Und dabei sind sie auch noch hoch funktional – perfektes Design also. Durch die Konstuktion von zwei Wänden schließt die Dose luftdicht ab und hält so Feuchtigkeit vom Inhalt fern und bewahrt dessen Aroma.

Einige Modelle von vor 135 Jahren werden noch heute produziert. Im Zentrum stehen jedoch die einfachen Teedosen für den individuellen Gebrauch in 8 Formen von 40 bis 400 g Fassungsvermögen. Neben den großen Modellen mit einem 4 kg Volumen gibt es aber auch Doppeldeckerdosen und solche für den Gebrauch unterwegs oder mit Gravur. Auch wird nicht nur das ursprüngliche verwendete Weißblech, das von Shōchi (4. Generation) etablierte Kupfer und das von Seiji (5. Generation) eingeführte Messing genutzt, einige Chazutsu gibt es auch in Silber.

Pflegt man seine Teedose wie empfohlen (zum Beispiel sollte man sie nicht waschen und vor Flüssigkeiten schützen), setzt sie mit der Zeit eben jene wunderschöne Patina an, die sie so besonders, ja quasi zu einem Kunstwerk macht. Wie ein guter Wein „reifen“ sie mit der Zeit. Je nach Material tritt eine Veränderung früher (Kupfer nach 2–3 Monaten) oder später (Blech nach 3–5 Jahre) ein. Ich persönlich favorisiere ja die Farbschattierungen von silbern glänzend bis mattiert schwarz des Blechs, allerdings sind 40 Jahre nicht gerade wenig.

Angesichts der Fertigung liegt der Preis mit umgerechnet um die 100 Euro aufwärts auch recht hoch. Allerdings ist ein Gegenstand, der in der Absicht angeschafft wird, ihn Jahrzehnte lang zu nutzen, wohl sowieso dafür gedacht sein, vererbt zu werden.

Wer nicht so viel wert auf den exquisiten Charakter legt, aber dennoch eine Chazutsu aus Metall sein Eigen nennen möchte, der kann die ebenfalls wunderschöne, aber lange nicht so verzaubernde Variante von MUJI erwerben. Und jenen, die mehr über Kaikadō und ihre Glanzstücke erfahren möchten, kann ich die Geschichte der Firma auf der offiziellen Website sowie diesen Artikel auf designboom.com empfehlen. Wie wunderbar und formschön, zugleich aber auch teuer die Welt doch sein kann!

0 Responses to “Lobgesang auf die Patina”


  • No Comments

Leave a Reply