Visuelle Sättigung

Zur nationalen Identität eines jeden Landes gehört seine Küche, aber auch die regionalen Unterschiede haben eine große Bedeutung. Deutsch ist nach Meinung der Japaner neben Bier definitiv die Wurst. Doch gehört die Curry-Wurst eindeutig nach Berlin und nirgends schmeckt eine Weißwurst besser als frisch gebrüht in einem Münchner Biergarten. Das Verständnis für eine Kultur geht offenbar auch durch den Magen.

Essen hat nicht nur eine kulinarische, sondern auch eine visuelle Komponente. Und wenn das Auge mitisst, dann wird sein Hunger in der Nishiki-dōri in Kyōto mehr als gestillt. Auch die Ästhetik eines Landes ist über das Angebot seiner Spezialitäten erfahrbar – kein Wunder also, dass es in meinem Blog des Öfteren um Essen und Trinken geht.

Kyōto ist unter anderem berühmt für sein Tsukemono / 漬物, eingelegtes oder eingemachtes Gemüse. Mit großer Geschmacks- und Farbenvielfalt werden Rettiche, Gurken und Auberginen in Essig oder Miso dargeboten. Viele kann man probieren, eine Sorte ist besser als die andere.

Auch für Süßmäuler gibt es viel zu entdecken: Wagashi / 和菓子 (japanische Süßigkeiten), Dango / 団子 (Kugeln aus Mochi / もち, Klebreismehlteig) und Daifuku / 大福 (Mochi mit Anko / あんこ, süßem Bohnenmus), Konpeitō / こんぺいとう (vom portugiesischen confeito, bunte Zuckerkügelchen) und so Viele mehr.

Chirimen / ちりめん, kleine getrocknete und angemachte Fische, und eingelegter, gewürzter Seetang sind für westliche Gaumen wohl etwas gewöhnungsbedürftig, nichts desto trotz sehr lecker und spannend anzusehen.

In der Nishiki-dōri ist alles relativ kostenintensiv, dafür aber von herausragender Qualität. Wie wäre es mit ein paar Korogaki / ころ柿 (getrocknete Kaki) oder sechs formschönen Erdbeeren für umgerechnet fünf Euro? Oder doch lieber kleine, gekochte Tako / たこ (Oktopusse) am Spieß?

Für ein besonders hübsches Mahl lassen sich kleine Kunstwerke in Form von Blüten, Bällen, Blättern und Kiefernnadeln erstehen, mit denen Gemüse und Suppen in vollendeter Schönheit erstrahlen können.

Und selbstverständlich gibt es auch Fisch. Kunstvoll an Spießen gegrillt, zum Auskochen für eine Suppe, roh für die Verwendung als Sushi oder Sashimi…

… Flossen als Snack zum Alkohol, konservierte Fischfilets mit abgerundetem Geschmack (man beachte die Sakurablütenform der Greifzange)…

… und natürlich so frisch es nur geht zur eigenen Zubereitung.

Ein Abenteur, ähnlich wie der Tsukiji-Fischmarkt in Tokyo, nur deutlich kleiner, definitiv touristischer, dafür aber mit einer viel breiter gefächerten Auswahl!! Wer eine Alternative zu all den wunderschönen Tempeln und Schreinen in Kyōto sucht, wird hier eine wundervolle Abwechslung erleben! Staunet und lasset es euch auch optisch auf der Zunge zergehen.

Das Klischee, die Sakura

Die Sakura / 桜 (Kirsche, Kirschblüte) gehört zu Japan wie der Fuji, die Samurai, die Geisha und der grüne Tee – jeder kennt sie. Jetzt Anfang April, wenn sie hier in der Mitte Japans blüht, ist sie allgegenwärtig. Die in Blüte stehenden Bäume sind wundervoll anzusehen und auch der ganze Sakura-Schnickschnack überall macht sehr viel Spaß. Morgen bin ich mit Freunden zum Hanami / 花見, zur Blütenschau verabredet – Vorfreude mischt sich mit Sorge, denn ob wir auch einen vernünftigen, unbelegten Platz dafür finden, wird sich zeigen.

Die Auseinandersetzung mit der Kirschblüte als Muster ist aber gerade aufgrund ihres Bekanntheitsgrades recht langweilig. Die wichtigsten Informationen also in Kürze. Die Sakura ist eine Zierpflanze und trägt keine Früchte. Ihre Berühmtheit erlangte sie in der Heian-Zeit (794–1185/1192), vorher verehrte man die Ume, die viel früher zu blühen beginnt.

In den Schaufenstern traditioneller Läden findet man Holztafeln mit Sakura-Zweigen (hier in Kyōto) als Dekoration und Temari-Bällen (hier Kanazawa), ein traditionelles, ursprünglich aus China stammendes Spielzeug, zum Verkauf. Die Sakura steht für den Frühling, da sich ihre Knospen öffnen, wenn es wieder wärmer wird. Die fünfblättrigen Sorten öffnen sich zuerst, dann folgen die mit mehr Blättern. Für gewöhnlich steht die Sakura in Tōkyō Anfang April in voller Blüte, dieses Jahr wegen des vergleichsweise kalten Winters erst zu diesem Wochenende – zu Ostern, wie passend.

Aufgrund ihres großen Bekanntheitsgrades ist die Sakura aber auch ein ganzjähriges Motiv, allerdings in Form abstrakter Blüten und Blütenblättern. Detailreiche Darstellungen und solche mit Bäumen und Ästen sind eher selten. Die Kirschblüte symbolisiert vor allem die Schönheit und Hoffnung, und erst in zweiter Linie die Vergänglichkeit. Diese Aufgabe fällt mehr der Kamelie zu, deren rote Blütenblättern nicht nur ebenfalls schnell fallen, sondern auch noch wie Blutstropfen wirken.

Die Industrie vermarktet die Sakura-Frühlingszeit wie keine andere – gefühlt wie bei uns Weihnachten und Ostern zusammen. In den Regalen der Supermärkte, Kombinis und Geschenkshops reihen sich die Sakura-Editionen.

Und dem Sakura-Panda wird sogar ein ganzes Schaufenster gewidmet.

Und auch die japanischen Süßigkeiten sehen aus wie Kirschblüten – oder werden sogar mit eingelegten Blüten verziert, was auch für den Gaumen ein wundervoller Genuss ist.

Klischee hin oder her – am schönsten sind immer noch die Blüten selbst.

Diese hier blühen auf dem Musabi-Campus – an mindestens 10 m hohen Bäumen.

Warum kleckern, wenn man auch klotzen kann!

Und auch wenn man glauben möchte, jeder Japaner hätte sein Mobiltelefon schon voller Sakura-Fotos der letzten Jahre, Sakura-Fotos gibt es offenbar nie genug. Ich (oder mehr noch meine geduldige Reisebegleitung) kann ein Lied davon singen…

Quellen:
1) Sakura (Immortel Geisha, 2012-04-07)
2) Japanese traditional patterns (japanese-luxary.com, 2012-04-07)
3) Japanische Kirschblüte (wikipedia.de, 2012-04-07)
4) Cherry Blossoms Patterns (Chuebe, 2012-04-07)

Musabi Kurse #2: 情報デザイン

An der UdK habe ich bisher mit einem Schwerpunkt auf Informationsgestaltung studiert, den ich im Kurs 情報デザイン / Jōhō Design / Information Design weiter vertiefte.

Die Klasse wurde von rund 30 Studenten belegt und wurde von zwei Professoren geleitet, einer von ihnen der mich betreuende Gotoh-sensei. Es gab zwei Themen, die von je drei Gruppen bearbeitet wurden: E-Learning und 文字と情報 / Moji to Jōhō / Schrift und Information. Ich hatte das Glück, dass meine Tutorin CHIDA Shioka, die mich nicht nur großartig durch die Projektarbeit führte, sondern auch zu einer guten Freundin geworden ist, sich ebenfalls mehr für zweites interessierte. Wie auch in Übungen des visuellen Ausdrucks konnte ich also auch hier sehr zufrieden sein.

Der Unterrichtsstil unterschied sich von meinem Hauptkurs stark, was bei einer Teilnehmerzahl von fast dem Fünffachen natürlich unvermeidlich ist. Wir arbeiteten in Gruppen, was für mich als Austauschstudentin sehr spannend war. Allein die Gruppenfindung war ein absolutes Erlebnis. Auf eine erste Vorstellungsrunde folgten weitere, in denen genau erklärt wurde, was für eine Arbeitsweise man hat und wo Interessenschwerpunkte liegen. Man ist offenbar sehr vorsichtig, verlässliche Partner zu finden, von denen zu erwarten ist, dass man gut zusammen passt. Dies wurde auch von den Lehrenden unterstützt, die uns viel Zeit für diesen Prozess ließen.

Der Unterricht bestand aus wöchentlich zwei Unterrichtsstunden à anderthalb Stunden beginnend mit einem Vortrag und gefolgt von Vorstellungen der Gruppen-Ergebnisse. Dies war nicht nur für mich mit mangelhaften Japanischkenntnissen recht langweilig, sondern zumeist auch für die regulären Studenten, wie man an der hohen Zahl der im Unterricht Schlafenden und mit anderem als dem Zuhören Beschäftigten klar erkennen konnte.

Die Projektpräsentationen wurden in der Regel in monotonem Ton vom Blatt abgelesen und dann von den Professoren kommentiert. Die anderen Studenten beteiligen sich dabei anders als an der UdK nicht an diesem Gespräch. Zudem hörte ich öfter, dass die gehörten Kommentare eher neue Fragen aufwarfen, als Klarheit zu verschaffen. Es ist aber möglich sich zu einem späteren Zeitpunkt erneut an seinen Professor zu wenden.

Die Räume wirken auf mich mehr als würden sie zu einer Schule, nicht zu einer Universität gehören, sind aber für neugierige Blicke sehr spannend. Die Stühle (für europäische Beine leider etwas klein) haben Rollen, die Tische lassen sich zusammen klappen und die Tafeln sind nicht frei schwingend, sondern feststellbar (ein Segen!). Und auch in Sachen Technik gibt es hier ein gutes Angebot: Beamer, Projektor, Mikrofon, Farb- und Schwarzweißdrucker und Computer. Die Räume sind wirklich sehr gut ausgestattet.

Kernpunkt dieses Kurses bildete die Gruppenarbeit, die sehr gut funktionierte. Die Sprache stellte kein besonders großes Problem dar, da Chida fleißig übersetzte. Auch wenn sie krank im Bett lag und meine Präsentationsnotizen per Email ans Handy an Kommilitonen schickte (wie oben zu sehen), damit der Vortrag reibungslos funktionieren konnte. Zwischen dem Japanisch-Englischen gab es ab und an auch Raum für kleine Deutsch-Lehrstunden wenn Kommilitonen fragen ›Was heißt denn das auf Deutsch?‹

Überhaupt ist Sprache sehr spannend bei einem Austauschsemester. Wenn zum Beispiel Japaner eine helle Freude daran haben, das man auszudrücken lernt, endlich ›mit dem Fahrrad fahren zu können‹ oder einzelne Worte in der Fremdsprache noch lustiger werden wie たこポップコーン / Tako Poppukōn / Oktopus Popcorn. All dies erzählt auch vom vielen Spaß, den wir miteinander hatten.

Unsere E班 / E-han / Gruppe E, also die fünfte von sechsen, bestand aus fünf Studentinnen und obwohl wir zumeist in zwei Sprachphasen arbeiteten – erst Japanisch und dann Englisch oder umgekehrt, da die meisten kein Englisch sprachen, funktionierte die Zusammenarbeit ziemlich gut. Sicherlich sind Einzelheiten bei der Übersetzung verloren gegangen, aber dies hielt uns nicht davon ab, einen regen Ideenaustausch zu führen.

Wir einigten und konzentrierten uns schnell auf das Medium Zeitung in seiner heutigen Formenvielfalt als Printmedium, Online-Ausgabe auf Computerbildschirmen und Klapphandys bis hin zur App auf Smartphones und Tablet-Computern.

Wir begannen mit einer breit gefächerten Recherche, die Leser, Inhalte und Gestaltung umfasste, zum Beispiel im oben zu sehenden Vergleich eines Artikels im Internet und als App auf dem iPhone.

In unseren wöchentlichen Gruppenmeetings kristallisierte sich heraus, dass wir uns in unserer Arbeit immer mehr um Zeitungs-Applications auf dem iPad fokussierten. Diese neue Technik verbindet das fixe Layouts im Print mit den interaktiven Möglichkeiten der digitalen Welt, aber sie besitzt natürlich auch klare Grenzen, wie dieses Video eindeutig zeigt: ›The new Newsday App is better than the newspaper in all kinds of ways.

Wir durchforsteten das Internet nach Layout- und Anwendungsbeispielen und dokumentierten unser eigenes Verhalten und Empfinden beim Nutzen von News-Apps. Eine Kommilitonin brachte ihr eigenes iPad mit, ein zweites liehen wir uns von der Universität aus. Wir wollten erkunden, was bereits auf dem Markt ist, darüber hinaus aber erarbeiten, welche Verbesserungen und Innovationen uns als Kunden zufriedener stellen würden.

In einer ersten großen Post-its-Session sortierten wir unsere Ergebnisse, hier formidabel zusammengefasst von einer Kommilitonin, …

… gefolgt von einer zweiten zur Ideensammlung, die bereits eine Gewichtung auf das Arbeiten mit den Zeitungs-Inhalten hatte. Hierbei bezogen wir uns auf Forschungen, die besagen, dass fast 50% der Anwender das iPad nutzen um zu lernen und Informationen zu sammeln. Das ist Platz drei nach ›zum Entspannung‹ mit über 70% und ›um Musik zu hören oder ein digitales Buch zu lesen‹ mit über 50%.

Wir hatten einen Haufen voller Ideen und konzentrierten uns dann im Wesentlichen auf Funktionen, mit denen der Anwender nicht nur Leser, sondern auch Editor sein kann. Unsere Entwürfe übertrugen analoge Möglichkeiten wie das Markieren und Kommentieren von Textpassagen und ›Abheften‹ von Artikeln in selbst gewählten Kategorien, griffen aber auch digitale Errungenschaften auf wie das Versehen der Artikel mit Tags und das individuelle Verknüpfen von Inhalten.

Wir arbeiteten überwiegend konzeptionell, entwarfen aber auch gestalterische Ansätze. Oben zu sehen sind das offizielle Projektlayout (links) und meine Umsetzung der Idee einer quadratischen Inhaltsfläche (rechts). Hauptsächlich beschäftigte uns hier, dass ausnahmslos alle Zeitungen ihr gedrucktes Layout übernehmen, was dem neuen Medium unserer Meinung nicht gerecht wird und den Leser unnötig belastet.

In unserem Entwurf wird ein Artikel dann zum Beispiel auf einer Einzelseite und bereits in vom Nutzer individuell einstellbarer Lesegröße angezeigt. Für den nächsten Absatz wird nicht die ganze Zeitungsseite bewegt, sondern nur der Text mit einem Fingerwisch weitergeschoben.

Nach gut zwei Dritteln des Semesters beendeten wir die beiden Projekte E-Learning und 文字と情報. In einer Skype-Konferenz mit Londoner Studenten, aber nicht auch mit wie im so genannten Trinity-Project eigentlich vorgesehenen Studenten aus Hakodate im Norden Japans, stellte je eine Gruppe ihre Ergebnisse vor. Die unsere war eine davon. Unsere Gesprächspartner präsentierten ihrerseits ebenfalls zwei Arbeiten.

Mein Eindruck, dass in unserer Klasse mehr an Ideen denn an einer attraktiven gestalterischen Umsetzung gearbeitet wird, wurde im Kontrast noch einmal deutlich. Man kann nicht sagen, dass die Arbeiten japanischer Studenten nicht so gut aussehen, wie die derer in Europa, die Gewichtung ist nur eine andere. Dies ist mir mehrfach aufgefallen, es gilt allerdings definitiv nicht für alle Kurse!

Im Anschluss folgte dann ein zweites Projekt für ein paar wenige Wochen, in dem die Gruppen selbst entscheiden konnten, in welche Richtung es gehen sollte. Nachdem wir einige Zeit das News-App Thema weiter verfolgten, schwenkten wir relativ kurzfristig noch einmal um. Basierend auf dem Gedanken ein Werkzeug für die Recherche und zum Studieren zu entwickeln, kreierten wir ein Szenario, in dem es möglich ist, Daten auf eine biegsame OLED-Oberfläche zu übertragen. Für uns wäre das nicht nur als individuelle “Schreibunterlage” nützlich gewesen, sondern auch in der Projektarbeit.

Die Gruppenarbeit funktionierte in diesem Projekt, für das wir nur sehr wenig Zeit hatten, nicht mehr ganz so gut wie zuvor. Zum Ende des Semesters war jeder von uns mit anderen Kursen im Stress, und so konnten bei Gruppenmeetings nie alle Studenten anwesend sein. Ich habe mich letztendlich nicht so einbringen können, wie ich es gerne gewollt und eigentlich gesollt hätte, aber in Anbetracht der Umstände war dies für uns alle offenbar nicht anders machbar.

Nichts desto trotz habe ich aus dieser Klasse eine Menge mitgenommen und kann sie definitiv als Erfolg und gut investierte Zeit verbuchen. Ich habe nicht nur meinen Horizont zum Thema Zeitungen und iPad erweitern können, sondern ganz besonders viele Eindrücke japanischer Gruppenarbeit sammeln und supernette Teamkolleginnen kennen lernen dürfen!

Blüten im Schnee

Der Winter in Tōkyō ist äußerst schneearm. In den drei Wintermonaten Dezember, Januar und Februar schneite es an zwei Tagen – Ende Januar und Ende Februar. Das Weiß blieb ein Weilchen liegen, aber dennoch würde es sich nicht danach anfühlen, als hätte ich in Japan wirklich Winter erlebt, wäre ich vor ein paar Tagen nicht noch einmal nach Kanazawa gefahren. Von den meterhohen Schneebergen, die es in der Region im tiefen Winter gibt, war schon lang nichts mehr zu sehen. Dennoch hatte ich das Glück, eine ordentliche Schneewehe zu erleben und im Kenrokuen, einem der berühmtesten Gärten ganz Japans, noch eine wundervolle Schneepracht bewundern zu können.

Und so komme ich nun im März endlich dazu, das Muster zu verwenden, das ursprünglich für den vergangenen Dezember geplant war, wenn auch in Kombination mit einem Frühlingsboten. Das Yukiwa / 雪輪, eine hexagonale, einen Schneekristall repräsentierende Form, in Verbindung mit einer Kamelie, japanisch Tsubaki / 椿 (auch ツバキ bzw. つばき), eine der Blüten, die den Frühlingsbeginn begleiten.

Inspiration für diese Wahl waren die zahlreichen Kamelienblüten im Kenrokuen mit ihrem satten Rot, das so wunderbar mit dem dunklen Grün der Blätter und dem kühlen Weiß überall im Kontrast standen.

Yukiwa wird mit den Kanji für Schnee (雪) und Kreis/Ring/Schleife (輪) geschrieben und ist eine Grundfläche japanischer Familienwappen. Es stellt eine Schneeflocke dar, wird aber entgegen der Vermutung nicht nur im Winter verwendet. Auf den Stoffen der Yukata, also Sommerkimonos, soll es Frische versprühen, und als geometrische Grundform findet man es zu jeder Jahreszeit. Schnee wird als Symbol für Fruchtbarkeit angesehen und so wird das Yukiwa oft in Verbindung mit den Blumen und Pflanzen der Saison abgebildet.

Die Tsubaki / 椿 (Camellia japonica) oder auch カメリア aus dem Englischen (camellia) ist ein immergrüner Busch, dessen Blüten im Übergang zum Frühling blühen und dafür als glückverheißend gilt. Da die Blüten allerdings innerhalb weniger Tage verblühen und die roten, einzeln herabfallenden Blütenblätter auf dem Schneeboden an Blutstropfen erinnern, ist die Kamelie auch ein Symbol für Tod und Vergänglichkeit und wurde daher von Kriegerfamilien vermieden. In der Edo-Zeit war sie allerdings eine sehr beliebte Gartenpflanze und das Motiv fand unter der breiten Bevölkerung große Anwendung.

Die Farbkombination Weiß-Rot-Dunkelgrün findet man auch anderenorts im Kenrokuen wieder. Ich halte sie für typisch für die Winterzeit.

Der Blick vom Garten auf die Stadt Kanazawa zum Ende des Winters, während ein Schneeschauer heraufzieht.

Die Kotoji-tōrō / 徽軫灯籠, die berühmte zweibeinige Laterne – Sinnbild des Kenrokuen und Kanazawas, und im Hintergrund die typischen Aufhängungen der Bäume, um diese von den Schneemassen (in den Wochen zuvor) zu schützen.

Ein weiteres in vielen Bildern auftauchendes Motiv ist das Yukimochi / 雪持ち, das Bedeckt-Sein von Schnee. Besonders beliebt ist Schnee auf Bambus. Dies gilt als Zeichen für eine gute Ernte.

Einer der Anblicke, die mich mit dem japanischen Winter versöhnten. Nun kann der Frühling beginnen.

Quellen:

1) Kimono Flea Market ICHIROYA’s News Letter No.382 (International Kimono Fan Club Facebook-Profil, 2012-03-04)
2) Japanese traditional motifs and patterns (japanese-luxuary.com, 2012-03-04)
3) Yukiwa (Immortal Geisha, 2012-03-04)
4) My Kimono – Seasonal patterns (Informationsblatt des Tōkyō National Museums)
5) Kamilie und Kamilien (Wikipedia.de, 2012-03-04)
6) Wadoku (2012-03-04)

Musabi Kurse #1: 視覚表現演習A

Immer wieder habe ich Fragen nach meinen Kursen an der Musashino Kunstuniversität nur grob und mit dem Verweis ›Ich schreibe aber bald einen Blogeintrag darüber‹ beantwortet. Aus diesem ›bald‹ wurde nun ein ›nach Abschluss des Semesters‹, was aber den Vorteil hat, einen Gesamtüberblick bieten zu können.

Die 武蔵野美術大学 / Musashino Bijutsu-daigaku, kurz ムサビ / Musabi hat drei Design-Fakultäten. Ich habe den Eindruck, dass bei Visual Communication Design (視覚伝達デザイン / Shikaku densatsu dezain), wo ich studiere, der Schwerpunkt beim Grafik Design liegt, Science of Design (基礎デザイン / Kiso dezain) sehr interdisziplinär arbeitet und es bei Design Informatics (デザイン情報 / Dezain Jōhō) mehr um die Entwicklung von Ideen geht als um deren Ausführung. Klar zu trennen ist dies jedoch nicht, es gibt diverse Parallelen und auch die Studenten können nur vage eine Differenzierung machen.

Das Studium dauert für die regulären Studenten vier Jahre bis zum Abschluss, der unserem Bachelor entspricht. Überwiegend wird in Klassen unterschiedlicher Größe gearbeitet, in manchen gibt es Gruppenarbeit, in anderen arbeitet man individuell an der Umsetzung der gegebenen Aufgabe. Anders als an der UdK wird dabei nicht jahrgangsübergreifend gearbeitet. Darüber hinaus gibt es regelmäßige Vorlesungen, in denen ein Großteil der Studenten einer Fakultät sitzt. Im vierten Jahr wird der Hauptkurs als so genanntes ゼキ / Zemi, also Seminar abgehalten, in dem die Studenten an freieren Projekten arbeiten und sich oft einzeln mit dem Professor treffen. Dies ist auch im Masterprogram der Fall, das zwei Jahre dauert und wie bei uns weder verpflichtend noch garantiert ist.

Das Austauschprogramm hat zum Ziel, Studenten die Möglichkeit zu geben, das Lehrprogramm einer Universität eines anderen Landes kennen zu lernen, ihnen aber auch einen Einblick in die andere Kultur zu ermöglichen. Zu Beginn des Semesters traf ich den mich betreuenden Professor 後藤吉郎 / GOTOH Yoshirō, der mir bei der Auswahl der Kurse half. Er richtete sich nach meinen Wünschen, achtete aber auch darauf, dass ich unterschiedliche Kursformate belegte und mit vielen Studenten in Kontakt kam. Mein Stundenplan beinhaltete dann insgesamt fünf Kurse inklusive einem englischsprachigen der Fakultät Science of Design, der für alle Musabi-Studenten offen ist, und meinem Japanischunterricht.

Mein Hauptkurs mit wöchentlich zwei mal zwei Unterrichtseinheiten, die hier anderthalb Stunden dauern, war 視覚表現演習A / Shikaku hyōgen enshū A / Übungen des visuellen Ausdrucks A aus der zweiten Jahrgangsstufe. Zwar habe ich schon deutlich mehr Jahre studiert, als meine dortigen Kommilitonen, allerdings wurde der Kurs von Gotoh-sensei geleitet und war mit insgesamt sieben Studenten recht klein. Er begann mit Exkursionen und Recherche auf dem Campus, sowie deren Ausarbeitung und wurde dann von Einzelprojekten weiter geführt. In einem ersten Artikel über mein Studium an der Musabi geht es nun um die Arbeit in diesem Kurs und mein darin entstandenes Projekt.

Die Unterrichtsräume, hier der unsrige während einer kleinen Beamer-Presentation, haben für mich ein eindeutigen Schulklassenflair – niedrige Decken, Lehrer- bzw. Präsentationspult, Tische, Stühle, Tafeln. Sie sind aber sehr gut ausgestattet, wie man an den zur Verfügung stehenden iMacs im Hintergrund sehen kann.

Parallel zur Analyse unseres Campus machten wir zwei Ausflüge – einen zum Naturkunde Museum, den anderen zum Museum der Tama Kunstuniversität. Nach beiden trugen wir unsere Eindrücke und Entdeckungen in Form von Fotos und Post-its zusammen.

Eines, was man bei einem Austauschsemester in einem Land, dessen Unterrichtssprache man nur wenig versteht, unbedingt können oder lernen muss, ist Geduld, denn man kann nicht erwarten alles zu verstehen. Sehr nützlich und unersetzlich sind Übersetzungswerkzeuge. Dabei hilft bereits ein internetfähiges Mobiltelefon viel, noch besser jedoch ist beim Japanischen ein elektronisches Wörterbuch (電子辞書 / Denshi-jishō). Damit kann man zwar der schnellen Sprechgeschwindigkeit der anderen nicht Herr werden, wohl aber den ansonsten überwiegend kryptischen Kanji.

In jedem japanisch abgehaltenen Unterricht bekam ich eine Tutorin zur Seite gestellt, die nicht für die Klasse, sondern als Helferin (oder als Tutor dann Helfer) für den Gaststudenten fungiert. Aber auch hier darf man nicht erwarten, dass auch alles übersetzt wird. Eben nur das wichtigste. Auch wenn es bedeutet, dass man sich mit der gemeinsamen Sprache des Zeichnens oder Übersetzungsprogrammen mit lustigem Ergebnis behelfen muss, weil die Tutorin so gut wie kein Japanisch spricht, dies aber mit Freundlichkeit und Bemühen wett zu machen weiß. ›What is the geography of beauty Musashi easy to understand?‹ fragt, ob man sich auf dem Gelände der Musabi (武蔵美 / Musashibi) gut zurecht finden kann.

Das Angebot der Musabi ist wirklich großartig. So gibt es unter anderem die Institution MAU M&L, die Musashino Art University Museum & Library, zu der auch eine Image Library mit einer Filmsammlung und der 民俗資料室 / Minzoku-shiryō-shitsu / Folk Art Room gehört.

Kursinhalt dieses Semester war es, für einen Aspekt eines dieser vier Einrichtungen eine gestalterische Lösung zu finden. Dafür untersuchten wir deren Zugänglichkeit und Informationsmaterial, besuchten die Räumlichkeiten und sprachen mit den Organisatoren.

Mit diesen Methoden erarbeiteten wir unter anderem, dass die Situation für den Folk Art Room vergleichsweise schlecht ist. Anders als die beiden Gebäude im Zentrum des Campus, in denen Museum, Bibliothek und Film-Bibliothek untergebracht sind, liegt die Folk Art Collection, wie ich zu sagen pflege, abseits und ist unter den Studenten nahezu unbekannt und schwer zu finden. Zwar gibt es gutes Informationsmaterial, das aber offenbar zu wenig Aufmerksamkeit erregt.

Nur wenige nehmen das Angebot wahr, diese erstaunliche Sammlung von Volks-Handwerk – denn da diese Gegenstände einst für den tatsächlichen Gebrauch hergestellt wurden, kann man hier eigentlich nicht von Kunsthandwerk sprechen – zu besichtigen. Ich bin mir natürlich bewusst, dass meine unermessliche Neugier auf die japanische Kultur diesen ›verborgenen Schatz‹ besonders wertvoll macht, verstehe aber dennoch nicht, warum sich nicht ganz besonders die Studenten vom Produktdesign dort inspirieren lassen.

Für mich ist jeder Besuch wie eine kleine Zeitreise und ich entdecke immer wieder etwas Neues. Wie gerne würde ich da einige Stücke aus den Regalen nehmen und auf ihnen ein köstliches Mahl anbieten… Dies jedoch ist mir nicht vergönnt, wohl aber mich gestalterisch mit der Sammlung zu beschäftigen.

Nach mehreren Besuchen mit der Klasse, auf die später weitere alleine folgten, und der Durchsicht der gesammelten Unterlagen, versuchte ich mir einen allgemeinen Eindruck zu verschaffen. Ich analysierte Definitionen und stieß auch auf die japanische 民芸 / Mingei / Volkskunst-Bewegung, die in den 1920er und 30er Jahren ihren Anfang hatte. In ihrer Tradition wurde Ende der 60er Jahre auch die Sammlung der Musabi gegründet.

Ich entschied mich dafür, eine kleine Broschüre zu gestalten mit den wichtigsten Informationen und Abbildungen, um Interesse bei den Studenten zu wecken, an die sich alle Einrichtungen der MAU M&L hauptsächlich richten.

Zunächst erwog ich, eine nach Material, Farbe und Benutzung gerichtete Auswahl an Objekten zu fotografieren. Aus Mangel an einer qualitativen Umsetzungsmöglichkeit wurden es dann jedoch Illustrationen. Rückblickend betrachtet war dies durchaus auch die interessantere Wahl, da die handgezeichneten (später dann allerdings am Computer kolorierten) Zeichnungen auf die ausschließlich handwerkliche Fertigung der Objekte verweist. Später erfuhr ich, dass ich dabei außerdem an eine Tradition anknüpfte. Als die Sammlung noch eine größere Popularität inne hatte, war es offenbar üblich, die Gegenstände zu zeichnen um ihre Form und Bauweise zu erfassen. Und es wundert mich nicht, dass ich gerade in einem Land, in dem Illustrationen unter anderem mit den Manga einen ganz anderen Stellenwert besitzen als in Deutschland, meine erste Studienarbeit anfertige, die diese derart in den Mittelpunkt rückt.

Ich sehe den Entwurf als eine kleine Arbeit. Damit meine ich weniger das kleine Format, das sich an dem Informationsheft ›MAU Guide Book‹ orientiert, als den Umfang der Projektarbeit, für die im Vergleich zum Semesterablauf an der UdK recht wenig Zeit blieb. Dennoch habe ich einige interessante Erfahrungen gemacht. Die Übersetzung ins Japanische durch die Hand eines Freundes ermöglichte es mir, erstmals zweisprachig Text zu setzen. Und die Entdeckung neuer Materialien und Werkzeuge ist etwas Wunderbares. Bei MUJI habe ich eine Rundecken-Stanze erstanden und das gestrichene Papier vom Kunstbedarfsladen auf dem Campus mit Einschlüssen, die an Pappmaché erinnern, ist ein Traum.

Ich werde es vermutlich vermissen, wenn ich wieder zurück in Deutschland bin. ABER ich habe das große Glück, ein weiteres Semester bleiben zu dürften. Diese absolut ungewöhnliche Ausnahme ist dem Fakt zu verdanken, dass sich für diese Zeit kein UdK-Student beworben hat, und meine Arbeit offenbar großen Anklang findet, wenn man den Kritiken meiner Lehrer Glauben schenken kann.